Prolog

“Power is in tearing human minds to pieces and putting them together again in new shapes of your own choosing.”
George Orwell, 1984

***

“Sie können die Augen schließen, Miss Ross, wenn die Monitore sie nervös machen. Es ist wichtig, dass Sie entspannt an die Sache herangehen.” Die Stimme von Dr. Young hatte einen väterlich-freundlichen Tonfall, wenn er mit den Probanden sprach.

Man hatte die Versuchsgruppe sorgfältig ausgewählt anhand von Beruf, Alter und ihren Gewohnheiten. Allesamt waren mittelmäßig erfolgreich in ihren Jobs, pflegten alltägliche Beziehungen, konnten sich schöne Dinge leisten und legten Wert auf ihre äußere Erscheinung. Und sie alle litten unter unterschiedlich ausgeprägten psychologischen Schwächen. Schüchternheit. Komplexe. Stimmungsschwankungen. Depressive Episoden. Dinge, die man eben nicht haben möchte, wenn man es weit bringen will. Sie waren die typischen Repräsentanten der New Yorker Gesellschaft im Jahre 2034.

Miriam Ross und alle anderen hatten mit Somawell Industries Verträge abgeschlossen, die sehr genau ihre Rechte und Pflichten als Versuchspersonen regelten, aber grundsätzlich waren die Ausgewählten ohnehin mit fast allem einverstanden gewesen, als man ihnen den perfekten Geist in Aussicht gestellt hatte. Der perfekte Körper und der perfekte Geist waren Angebote, die Menschen nur schwer ablehnen konnten, wenn sie das System verinnerlicht hatten. Und das hatten sie fast alle. Sie hatten es mit der silikongerundeten Mutterbrust aufgenommen, seine Credos in mehrsprachigen Kindergärten zu singen gelernt, es in teuren Privatschulen verfeinert und schließlich als Teil ihrer selbst akzeptiert, als sei es schon immer da gewesen.

In gewisser Weise wäre auch Dr. Young ein perfekter Proband gewesen, denn auch er stellte wenig in Frage, wenn es lukrativ erschien. Aber er saß in seiner Funktion als Arzt mit Aussicht auf die MPT-Zulassung auf der anderen Seite der Injektionsnadel, die sich nun langsam durch die Haut, durch das Fleisch und in die Vene von Miriam Ross schob. Ein leichter Druck und der Inhalt des Behälters ergoss sich in die Blutbahn. Gehorsam hatte sie die Augen geschlossen, während das Flackern der Monitore blau-grüne Schattierungen aus künstlichem Licht auf ihrem Gesicht hinterließ.

Auf einem der Monitore verfolgte Dr. Young nun den Weg der Sonden, bis ein grünes, schnelles Aufleuchten von Kontrolllichtern ihm anzeigte, dass sie alle an den für sie vorgesehenen Plätzen angekommen waren. Miriam Ross’ Augenlider zuckten leicht, aber Schmerzen schien sie keine zu haben. Ihr Hände lagen entspannt auf den Lehnen der Liege.

“Haben Sie etwas gespürt, Miss Ross?” erkundigte er sich.

“Ja, die Nadel. Ein kleiner Pieks.” Sie gab bereitwillig und ohne zu zögern Antwort.

Nur ein Zufall. Das Zucken der Augenlider just in dem Moment, als die Sonden ihren Platz erreichten. Dr. Ross nahm die Tastatur zur Hand und begann dann mit der eigentlichen Arbeit.

“Wir werden nun eine kleine Reise unternehmen, Miss Ross. Und am Ende dieser Reise wird nichts mehr sie behindern.”

Sie nickte.

Dann arbeitete er sich durch Miriams Erinnerungen, löste sie auf, übermalte sie wie alte Leinwände, die ein neues Gesicht bekommen sollten. Einige Erfolgsbilder waren auch frei gezeichnet, losgelöst von dem, was Miriam Ross in ihrer Kindheit erlebt hatte. So genannte Empower-Representations. Er las an Miriam Ross’ Lippen ab, wie angenehm diese Bilder sich für sie anfühlten. Sie lächelte. Die ganze Behandlung über lächelte sie. Ihr Lächeln übertrug sich auf Dr. Young. War er zu Beginn noch behutsam gewesen, fuhren seine Finger nun selbstbewusster über die Tasten. Er war der Zeichner einer neuen Miriam Ross. Er war der Gott über ihre Erinnerungen und damit über ihre Zukunft. Er nahm die Verantwortung ernst, aber da war auch etwas anderes, das er deutlich spürte. MPT würde Geschichte machen. MPT war bahnbrechend in vielerlei Hinsicht. Das erfüllte seine Brust mit Stolz.

Als Miriam Ross sich von der Liege erhob, fühlte sie sich unbeschreiblich gut und glücklich und stark. Und den Weihnachtsabend, an dem ihre Eltern sich getrennt hatten, als sie zwölf Jahre alt war, der existierte in ihrer Erinnerung nicht mehr so, wie sie ihn damals wahrgenommen hatte. Sie erinnerte sich an die buntglänzenden Kugeln und den Tannenduft. Das Essen. Das Lachen und die Musik. Sie erinnerte sich sogar an das Fernsehprogramm und daran, dass ihre Eltern sich im Guten getrennt hatten. Sie erinnerte sich an eine ausnahmslos glückliche kleine Miriam, die zuversichtlich in ihre Zukunft blickte.

Dr. Young war gründlich gewesen. Es war so perfekt. Fast zu perfekt um wahr zu sein.

***

Infotreffen und Simöffnung

MI, 28.10.2015 um 20.30 Uhr

Wir gehen IC ab

FR, 30.10.2015

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