Sayos Traum

Sayo lag an Händen und Füßen gefesselt auf dem Laken. Ihr Körper war weich gebettet auf zerwühlten Decken und Kissen. Alles teurer und wertvoller, als sie sich vorstellen konnte. Nachdem sie zu Mello gesehen hatte, der schon schlief, versuchte sie auch einzuschlafen, was ihr ziemlich schnell gelang. Sie fiel, erschöpft und verwirrt, in einen Tiefschlaf, zunächst traumlos, bis sich in ihrem Kopf Bild an Bild fügte.

Ihr Traum handelte von Mello. Wie sollte es auch anders sein. Sie sah ihn mit nacktem Oberkörper vor sich, nur mit seinen Shorts bekleidet. Er sah gut aus, keine Frage, aber seine Art versetzte sie sogar im Schlaf in sensible Hab Acht Stellung.
Sie lauschte seinem Telefonat. Auf einmal hielt er sein Handy am Ohr. Woher kam das plötzlich? Sie wusste es nicht. Sie wusste nicht einmal wo sie war. Alles um sie herum verschwamm und nahm dann wieder richtige Formen an.
Er fällte Todesurteile am Telefon, ohne mit der Wimper zu zucken. Wie er redete und wie er andere Leben zerstörte, machte ihn so hässlich in ihren Augen. Der Mann vor ihr verwandelte sich in einen Wolf im Schafskostüm. Schweigend tauschten sie Blicke. Er sagte nichts, war wortkarg.

Fiebrig brach ihr der Schweiß aus und versickerte im Bettbezug.

Bild 2

In manchen Momenten dachte sie, er wäre nett und ein Mensch mit Herz. So wie jetzt, als sie ihn kurz grinsen sah. Das Handy verwandelte sich kurz danach aber in einen Gürtel, den er drohend erhob. Das Bild begrub ihren Gedankengang tief, als sie ihn so im Schlaf vor sich sah. Sie mochte ihn eigentlich, aber nur, wenn er sie wie eine Frau behandelte, und nicht wie ein teures Haustier.

Vor ihren Augen verschwamm alles. Wieder konnte sie ihn beobachten, wie er einem unschuldigen Mädchen, das sie mochte mit einem Fußtritt das Genick brach. Ihre Träumerei mischte sich mit echten Erinnerungen, die umso schmerzhafter und furchteinflößender waren. Sayos Herz schlug wie wild. Sie warf sich im Bett trotz der Fesseln hin und her und begann aus allen Poren zu schwitzen.

Auch die Erinnerung an den Mord an Kaito dem Mädchenhändler, der sie nach Amerika gebracht und dort verkauft hatte, bahnte sich den Weg in ihr Unterbewusstsein. Nur verfälscht. Nicht Mello war verantwortlich für seinen Tod, sondern sie selbst. Im Traum war es sie, die ihn umbrachte und in den Fluss werfen ließ.

1000 weiße Callas mischten sich in die utopischen Bilder, die ihr Gehirn ihr schlaftrunken vorgaukelte. 1000 Callas, die er ihr aus einer Laune heraus geschenkt hatte. Tausend Diamanten, Perlenketten, kiloweise feiner Schmuck glitzerte auf Wolken gebettet direkt vor ihren Augen. Heiße, feuchte Küsse. Münder, die miteinander kämpften. Seiner und Ihrer.

Sayos Vertrauen, ihre Liebe- das konnte er sich nicht kaufen. Der Stolz war ungebrochen. Der Stolz einer echten Japanerin. Wieder warf sie sich im Bett hin und her und stieß gegen ihn. Ihr Körper wand sich wie eine Raupe. Gefesselt und unbeweglich.

Sie setzte sich mit einem Schrei in den Laken auf. Als Monster hatte sie ihn vor sich gesehen. Mit Zähnen und Klauen. Gierig, todbringend, nicht aufzuhalten. Alles verschlingend, was sich anbot. Dann fiel sie zurück in die Kissen. Kraftlos. Der Kokatrip in der Nacht war doch zu viel für sie gewesen.

(ein Beitrag von Sarahstella Lamede)

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