Mark Brady

Mark Brady

Mark gehörte zu jener Spezies New Yorker, die sich seit den 90er Jahren des letzten Jahrtausends stetig vermehrt und weiterentwickelt hatte. Jung, privilegiert, erfolgreich und ohne Geldsorgen. Auf der anderen Seite oberflächlich, arrogant und rücksichtslos.

Mit nur 25 Jahren übernahm Mark die Leitung der Brady-Gruppe und des prestigeträchtigen Hotels Element auf der Upper East Side. Seine Eltern galten nach einer Abenteuerreise durch Südamerika als verschollen und niemand (am allerwenigsten Mark) rechnete ernsthaft mit der Rückkehr von John Brady und dessen Frau Marge.

Mark hatte ausgesorgt. Befreit von seinem tyrannischen Vater und der überfürsorglichen Mutter konnte Mark endlich durchatmen und sein Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten. Geschäftlich führte er den Weg des Vaters unverändert fort. Wachstum und Expansion um jeden Preis. Sein Privatleben entsprach dem tausender junger New Yorker. Angesagte Clubs, Parties, schneller und unkomplizierter Sex, gutes Essen, teurer Alkohol, ein wenig Kultur um mitreden zu können, ein möglichst hochpreisiges Gym, das war’s auch schon.

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Es war ein Morgen wie jeder andere. Um 5.30 Uhr klingelte Marks Wecker, 30 Minuten aufs Laufband und anschließend einige Bahnen im Pool des Hotels ziehen. Um spätestens 7.00 Uhr saß Mark an seinem Schreibtisch, ließ sich aus der Hotelküche Frühstück bringen und studierte nebenbei die neuesten Nachrichten und Aktienkurse im Netz. Punkt 8.00 Uhr stand er an der Rezeption und ließ sich die neuesten Gästelisten zeigen. Wie sein Vater vor ihm begrüßte und verabschiedete er die wichtigen Gäste persönlich. Mark war ein Gewohnheitstier und alles außerplanmäßige warf nicht nur seinen Terminplan, sondern gelegentlich auch sein Weltbild über den Haufen. Jeden Nachmittag um 14.00 Uhr verließ Mark das Hotel für mindestens eine Stunde, um irgendwo in der Stadt eine Verabredung zum Lunch wahrzunehmen. Und wie jeden Nachmittag ärgerte sich Mark grün und blau über den Buchladen von Hana Crowne.

Bisher gab es noch keinen Kontakt zwischen ihm und der Besitzerin des kleinen Buchladens, dessen altmodisches Gebäude sich wie ein Fremdkörper zwischen den beiden ultramodernen Hochhäusern des Hotels und der Harira Financial Group befand. Schon Marks Vater hatte ein Auge auf das schmale Grundstück zwischen den beiden Türmen geworfen. Zu klein für eine Erweiterung des Hotels, aber nahezu perfekt um darauf die Einfahrt eines Parkhauses zu platzieren. Die Pläne für das Parkhaus lagen schon seit einiger Zeit fertig in der Schublade und warteten nur auf ihren Einsatz. Zudem hatte John Brady die Unterlagen ebenfalls an die benachbarte Bank geschickt, um dort für ein gemeinsames Projekt zu werben. Aus den Aufzeichnungen seines Vaters ging hervor, dass sich die Tiefgarage unterirdisch über alle drei Grundstücke erstrecken sollte und danach wohl dem Hotel als auch der Bank zur Verfügung stehen sollte.

Bisher hatte sich Hana Crowne erfolgreich gegen einen Verkauf des Grundstücks gewehrt, und das obwohl John Brady ihr noch kurz vor seinem Verschwinden ein überaus großzügiges Angebot unterbreitet hatte.

Hana Crowne war in Marks Augen nicht nur unvorstellbar altmodisch, sondern auch naiv und vollkommen weltfremd.Sein Wagen stand auf einem Parkplatz zwei Blocks entfernt und erinnerte ihn jeden Tag an Hana Crownes Dummheit. Erst heute Morgen hatte ihm die Finanzabteilung den Link zu Hana Crownes neuem Dossier geschickt. Allgemeiner Finanzstatus, Meldedaten, ein Bild und noch einige weiteren Informationen die man sich auf legalem Weg schnell und einfach besorgen konnte. Die Finanzauskunft zeichnete für Mark Brady ein weitaus genaueres Bild von Hana Crowne als ein persönliches Treffen – eine Möglichkeit die er bis heute nicht einmal in Betracht gezogen hatte. Der Frau stand das Wasser schon länger bis zum Hals. Die Geschäftszahlen des Ladens kündeten von immer weiter zurückgehenden Umsatzzahlen. Man brauchte kein Finanzgenie zu sein, um sich den Rest zusammenzureimen. Die Kosten an der 1st Avenue stiegen seit Jahren stetig und es würde nicht mehr lange dauern bis Hana Crowne in größere Zahlungsschwierigkeiten geriet und damit die Bank den Daumen auf dem Grundstück hatte. Ob sich Harira Financials in diesem Fall noch an den Deal mit John Brady erinnern würde war höchst fraglich. Wahrscheinlich würden sie das Grundstück einfach pfänden, selbst eine Tiefgarage bauen und diese zu horrenden Preisen an Brady vermieten. Verdammte Bank! Das konnte er auf keinen Fall zulassen.

Mark Brady verfluchte seinen Vater. In John Bradys Testament gab es eine Klausel die Mark überhaupt nicht gefiel. Dennoch blieb ihm keine andere Wahl als diese Klausel Wort für Wort zu erfüllen. Anderfalls stand ihm nicht nur ein langwieriger Rechtsstreit mit dem Nachlassgericht bevor, sondern auch der Ärger und das Mißtrauen der Direktoren im Verwaltungsrat. Offenbar hatte sein Vater ihm die Leitung des Unternehmens nicht zugetraut und bereits lange vor seinem Ableben Verschwinden entsprechende Vorkehrungen getroffen.

Den ganzen Lunch über konnte Mark an nichts anderes denken als die Tiefgarage und die den damit verbundenen geschäftlichen Erfolg, der ihm endlich die Achtung des altersschwachen Verwaltungsrats der Brady Group einbringen würde. Seine Wut auf Hana Crowne und ihr Halsstarrigkeit wuchs von Minute zu Minute. Er musste mit ihr reden, ihr dieses verdammte Grundstück abschwatzen bevor die Bank es in die gierigen Finger bekam. Mark Brady musste einfach beweisen, dass er in der Lage war die Brady Group zu führen! Kurzerhand parkte er den Wagen im Parkverbot vor dem Buchladen und betrat Hana Crownes Reich. Eine Türglocke! In welchem Jahrhundert lebte diese Frau eigentlich?

Überall standen Holzregale, der Boden knarzte als ob den alten Dielen längst nicht mehr zu trauen war, selbst die Couch war älter als Mark. Es roch nach alten Büchern und Staub. Und da war sie auch schon: Hana Crowne. Sie sah besser aus als auf den üblichen Behördenbildern. Bisher bestand der einzige Kontakt zwischen Hana und der Brady Group aus einigen Mails und einem persönlichen Treffen mit John Brady. Sie hatte also keine Ahnung wen sie vor sich hatte und das war auch gut so.

Er wollte dieses Grundstück um jeden Preis! Allerdings lief das erste Treffen mit Hana Crowne vollkommen anders als geplant. Als Mark nach einer halben Stunde aus dem Laden kam, war er so dermaßen wütend, dass er die zum Schein gekaufte 300 Dollar-Enzyklopädie in den nächsten Mülleimer pfefferte. Sie wollte nicht verkaufen, und schon gar nicht an Brady. Stattdessen hielt sie an ihrem albernen kleinen Buchladen fest, als ob er der Nabel der Welt wäre. Kein Mensch las mehr Bücher aus Papier! Selbst in der Schule wurden die Schulbücher mittlerweile digital ausgeben. Ja ja, Liebhaberstücke, alles klar. Natürlich waren Bücher Sammlerstücke und konnten einen gewissen Wert erreichen. Deshalb hatte John Brady ihr auch angeboten den Laden auf seine Kosten nach Soho zu verlegen. Dort gab es genug reiche Freaks, die jeden Scheiß kauften solange die Sachen nur älter als 20 Jahre waren.

Eigentlich wollte er ihr nur ein wenig Dampf machen, sie unter Druck setzen indem er sie mit ihrer Finanzlage konfrontierte und ihr mitteilen, dass er sich weiterhin an das Angebot seines Vaters gebunden sah (solange sie sich schnell genug entschied). Doch Hana Crowne lehnte erneut ab. Um den ganzen noch die Krone aufzusetzen wurde sie noch unverschämt und unterbreitete Mark ein höchst ungewöhnliches Angebot. Sie schlug ihm ein Spiel vor, ein Spiel bei dem er sich auf sie einlassen sollte und zu einem Werkzeug ihrer sexuellen Fantasien wurde. Im Gegenzug erhielt er ein Vorkaufsrecht auf das Grundstück.

Sex gegen das Grundstück? Mark war hin- und her gerissen. Hana Crowne faszinierte ihn, vielleicht beeindruckte es ihn sogar, mit welcher Hartnäckigkeit sie einem großen Finanzhaus und dem Hotel trotzte – obwohl ihr das Wasser bis zum Hals stand. Als er wieder im Büro war, vertiefte er sich erneut in Hanas Dossier. Das Darlehen würde platzen, die Frage war nur noch wann. Die Haie von der Bank umkreisten sie bereits und würden sowohl Hana als auch ihren albernen Buchladen einfach so verschlucken. Das Grundstück.. nur darauf lief es hinaus. Er hatte keine Ahnung was sie von ihm verlangen würde, aber er war bereit zumindest den kleinen Finger ins Feuer zu legen um zu bekommen was er wollte. Außerdem, so gestand er sich selbst ein, hatte Hana Crowne es geschafft ihn neugierig zu machen.

Zwei Tage später in einem italienischen Restaurant in Soho

Sie hatte es geschafft und ihn tatsächlich nach allen Regeln der Kunst aufs Kreuz gelegt um den Finger gewickelt. Eigentlich war der Plan, die Einzelheiten des „Deals“ bei einem Essen zu besprechen. Sex gegen eine Option auf das Grundstück. Das Essen verlief anfangs ganz nach Marks Vorstellung. Das Restaurant war Marks Terrain, nichts was sich Hana Crowne bisher leisten konnte. Selbstsicher ging er in die Verhandlungen, schüchterte sie mit teurem Wein und noch teurerem Essen ein. Dennoch ließ Mark sich nach allen Regeln der Kunst von Hana aufs Kreuz legen. Ihre besten Argumente waren ihr ausladendes Dekolleté (inklusive der sofort ins Auge springenden Vorzüge) und ihr Fuß, den sie unter dem Tisch an seinem Schritt rieb. Bereits nach kurzer Zeit verabschiedeten sich zuerst seine Bedenken, dann seine Hemmungen bezüglich des speziellen Deals. Den Gedanken, dass hinter der Fassade der biederen Buchhändlerin vielleicht ein männerverschlingendes Ungeheuer lauern könnte, verwarf er gleich wieder. Immerhin war er trotz allem Mark Brady, und saß am längeren Hebel.

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Sie wollte Spaß, gut – den sollte sie haben. Immerhin gab es ja sonst nicht all zu viel in Hana Crownes Leben. Kein Geld, keine geschäftliche Perspektive. In Marks Gedankenwelt ergab plötzlich alles einen Sinn. Sie wollte das Erbe ihrer Familie um jeden Preis bewahren. Hana Crowne war viel zu stolz und halsstarrig, um sich ihr Scheitern einzugestehen und den Familienbesitz einfach so an Mark Brady zu verkaufen. Deshalb hatte sie ihm das Spiel vorgeschlagen, einen Deal der es ihr leichter machen würde den Laden samt Grundstück aufzugeben, ein Spiel bei dem sie die Zügel in der Hand hielt. Ja, in Marks kleiner Welt ergab alles einen Sinn. Wie sehr er sich geirrt hatte, sollte er erst einige Tage später erfahren.

Nach dem Essen gewährte ihm Hana einen ersten Einblick in ihre Welt, in die besonderen Spielregeln des gerade erst abgeschlossenen Deals. Er hatte natürlich keine Ahnung, dass Hana sich lediglich zurücknahm, um ihn nicht gleich am ersten Abend zu verschrecken. Der Sex war gut, aufregend,.. so etwas hatte Mark noch nie erlebt. Ungewöhnlich ja, aber ins einer Wahrnehmung nichts außergewöhnliches. Es war einfach nur Sex mit kleinen Extras.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, war Hana bereits weg. Sie hatte ihm eine Notiz hinterlassen und kündigte an, sich später melden zu wollen. Mark grinste. Was für eine Nacht! Hana zog ihn immer mehr in ihren Bann und er nahm sich vor auf der Hut zu bleiben. Der Deal war immerhin nur mündlich geschlossen worden und hatte wahrscheinlich im Zweifelsfall sowieso keine rechtliche Bedeutung. Außerdem – sollte Hana zwischenzeitlich zahlungsunfähig werden – dann wäre der Deal sowieso hinfällig.

Noch dazu handelte es sich um einen Deal, dessen Einzelheiten besser nicht an die Öffentlichkeit geraten sollten.

Mark Brady lässt sich für Sex mit Grundstücken bezahlen

Mark Bradys scharfer Verstand von dominanter Buchhändlerin vernebelt

Mark Brady vögelt arme Buchhändlerin und nimmt ihr anschließend die Existenzgrundlage

Die Schlagzeilen in den Online-News konnte er sich schon ausmalen. Gerade in New York City gab es eine lange Tradition für Klatsch und Tratsch, der nicht nur auf den einschlägigen Plattformen verbreitet, sondern vor allem in den Szenelocations breitgetreten wurde. Der Schaden für die Brady Gruppe und das Hotel waren kaum abschätzbar.

Wie heikel das Spiel war, wurde ihm erst bewusst, als er in der morgendlichen Stille des Hotels seine Bahnen im Pool zog. Diese kleine hinterhältige Luder hatte ihm doch tatsächlich den Verstand vernebelt. Er musste vorsichtig sein und sich irgendwie absichern.

An seinem Schreibtisch angekommen, verfasste er als erstes eine Nachricht an einen Vertrauten in der Finanzabteilung:

Von: Mark Brady
An: Hank Emerson
Re: Hana Crowne / Books & Prints

Guten Morgen Hank,

Kannst Du noch weitere Infos über Hana Crownes Background besorgen? Lass das Grundstück noch einmal von einem anderen Gutachter schätzen. Aber mach es unauffällig.

Bitte lass außerdem die Pläne für das Parkhaus ändern. Ich möchte vier Etagen runtergehen statt nur drei wie bisher vorgesehen – und zwar nur auf unserem Grundstück (Einfahrt auf dem Grundstück von Crowne wie bisher)!! 

Wen kennen wir bei der Stadtverwaltung? Ich will diese Baugenehmigung so schnell wie möglich sobald der Buchladen aus dem Weg ist.

Ach ja, informier den Architekten, dass er die neuen Pläne nur zu uns schicken soll. Harira muss davon nichts wissen. Wenn sie ein Parkhaus wollen, sollen sie sich selbst eines besorgen.

Und: zu niemandem sonst ein Wort! Lass den Architekten was unterschreiben, droh ihm ne Klage oder sonstwas an falls er die Klappe nicht halten kann.

Mark

Nachdem er die Email abgeschickt hatte, ließ er sich selbstzufrieden noch eine weitere Tasse Kaffee bringen und vertiefte sich in die Arbeit. Mark Bradys Welt war vollkommen in Ordnung. Er war dem Grundstück einen großen Schritt näher als noch vor einigen Tagen. Er freute sich schon auf den Tag, an dem er den Buchladen abreißen lassen würde, um endlich eine Tiefgarage sein Eigen zu nennen. Hana Crowne würde er irgendwie nach Soho verfrachten und nie mehr wiedersehen. Vielleicht würde er Hana noch ein Bild des abgerissenen Buchladens mailen. Der Gedanke gefiel ihm. Mark hatte keine Ahnung, wie sehr die nächsten Tage sein Weltbild ins Wanken bringen würden.

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