Atmen und das Meer

Hana hatte die Augen geschlossen und lauschte. Nichts weiter war zu hören bis auf das ruhige Atmen von Mark neben ihr und die Brandung. Sie waren nun schon zwei Wochen hier und hatten von den alarmierenden Vorgängen in NYC nur indirekt etwas mitbekommen. Dr. Lisle hatte angerufen und Mark darüber informiert, dass sie das Virus trugen, es aber nicht die mutierte Form war. Sie würden sich in Kürze einer Behandlung unterziehen und wieder gesund sein. In der nächsten Zeit würden sie nicht nach NYC zurückkehren, sondern hier in den Hamptons bleiben. Das Risiko erschien ihnen derzeit zu hoch und nicht nur ihnen. Eine wahre Stadtflucht hatte eingesetzt und wer es sich leisten konnte, hatte die großen Metropolen an der Ostküste vorerst verlassen, in denen das HHV-4 tobte.

Dr. Lisle hatte NYC ebenfalls verlassen. Hana hatte Somawell Industries ein abgelegenes, felsiges Stück Land auf Penny Island vermittelt, in dem sich nun ein unterirdisches und vor den Augen der Öffentlichkeit verborgenes Labor befand. Neben der Weiterentwicklung der Mind Perfection Therapy, sollte nun dort wohl nun auch ein Wirkstoff gegen das HHV-4 entwickelt werden. Nach wie vor war Hana eine überzeugte Anhängerin von Somawell und mehr denn je bereit zu kooperieren. Kein Verfahren hatte ihr Leben je so verbessert wie die MPT. Darüber hinaus war sie froh Tini Lisle auf der Insel zu wissen. Sie hatte das Gefühl ihr vertrauen zu können.

Sie drehte den Kopf und sah zu Mark rüber. Einige Male hatte sie ihn aufgeregt mit dem Vorstand der Brady Group telefonieren hören. Es gab Stress, das hatte sie seinem aufgebrachten Tonfall entnehmen können, der durch die geschlossene Tür des Arbeitszimmers im ersten Stock gedrungen war. Gesagt hatte er nichts. Aber die Entscheidung hier zu bleiben, war fast zu schnell getroffen worden für seine Verhältnisse. Hana vermutete, dass es ihm nicht nur um ihrer beider Gesundheit ging.

Der Zukauf der Apfelplantage hatte Hanas finanzielle Möglichkeiten fast ausgeschöpft und es war gut auf Somawell vertrauen zu können, auch in finanzieller Hinsicht und vor allem zu Gunsten der Second Chance Stiftung, die nun ihre Aktivitäten ausdehnen konnte. Im Gegenzug bot Hana ihr Gesicht den PR-Spezialisten des Konzerns an, wie sie es damals schon mit Dr. Bieder vereinbart hatte. Ihr Gesicht und ihre Stiftung würden zu dem positiven Image vom Somawell Industries beitragen, das gelegentlich durch Querulanten und autonome Aktivisten einen Kratzer bekommen hatte. Ihren Buchladen in NYC hatte sie Jinx als Geschäftsführer überlassen unter der Voraussetzung, dass dort weiterhin straffällig gewordene Menschen einen zweite Chance bekamen. Sie selbst würde nun die Plantage führen und die Erzeugnisse zugunsten der Stiftung vermarkten. Da Dr. Lisle vor Ort war, stand einer engen Kooperation nichts im Wege und die gesetzlich vorgeschriebenen Therapien konnten den jungen Leuten weiterhin auf ihrem Weg zurück in die Gesellschaft helfen.

Hier, fernab vom verführerischen und allzeit präsenten Rausch der Großstadt, konnten sie runterkommen und sich durch ehrliche Arbeit erden. Hana lächelte und lauschte dem Rauschen des Ozeans. Ihr Vater wäre stolz auf sie, daran glaubte sie ganz fest. Sie hatten den Buchladen erhalten und eine Möglichkeit gefunden, noch mehr Gutes zu tun. Sie drehte sich auf die Seite und warf einen Blick aus dem Fenster. Die Sonne erhob sich bereits über den Horizont und es versprach ein schöner Tag zu werden.

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A Corleone

Snapshot _ NYC 2035, AliBaba (187, 89, 29) - Adult

Sabsi steigt aus der doch überraschend leeren Bahn, kurz abgelenkt von der Ansage aus den Lautsprechern, blickt sie sich dann leicht Orientierungslos um. War es Jahre her, dass sie damals mit Ihren Eltern hier war. Sie zieht den Teleskopgriff ihrer Tasche mit einem Ruck hinaus und schleppt sie die Treppe nach oben. Für einen Augenblick hält sie ihr Gesicht mit geschlossenen Augen Richtung Herbstsonne, war es ein klarer doch frischer Tag und sie zieht die Jacke enger um sich. Ihr Blick wandert an den imposanten Glasfassaden der Gebäude hinauf. Die Sonne spiegelt sich in den glänzenden Flächen und blendet sie, sodass sie eine Hand schützend über ihre Augen hält. Noch einen Moment verschnauft sie,  blickt sich nach einer bekannten Orientierung um, ehe sie zielstrebig losstapft – die Tasche auf Rollen laut klackernd hinter sich herziehend.

Snapshot _ NYC 2035, AliBaba (69, 178, 29) - Adult

Nach einigem Suchen findet sie sich an einer bekannten Kreuzung wieder,  scheint sich die Gegend hier doch weniger geändert zu haben als sie befürchtet hatte und tatsächlich, um eine Ecke biegend fällt ihr das Große Neonschild ins Auge. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht und ihre Augen funkeln feucht in der Sonne, wärend Sie ihren Erinnerungen nachhängt – dabei Schritt für Schritt – weiter laut klackernd ihr Gepäck mitschleifend auf das hohe Gebäude zugeht.

Als sie sich nähert, zieht sich für einen Augenblick ihr Magen zusammen. Unsicher was sie vorfinden würde, wurden ihre Schritte langsamer. Wahrscheinlich zum hundertsten Mal kramt sie den immer wieder sauber zusammengefalteten Brief aus der Tasche.
Die letzten Worte ihres kinderlosen Onkels, der ihr mitteilt, dass Sie nun die Besitzerin seines geliebten Restaurants sei…
Auch wenn sie ihn nicht oft besuchen konnte sei sie doch wie eine Tochter für ihn gewesen und er sei sich sicher, dass sie das Geschäft in seinem Sinne weiterführen würde.

Ihre Finger streichen fast liebevoll über den rustikalen Tresen, ehe sie voller Tatendrang ihre Jacke auszieht, das Haar im nacken zu einem Zopf bindet und sich an die Arbeit macht das ” A Corleone”  auf Hochglanz zu bringen.

Mark Brady

Mark Brady

Mark gehörte zu jener Spezies New Yorker, die sich seit den 90er Jahren des letzten Jahrtausends stetig vermehrt und weiterentwickelt hatte. Jung, privilegiert, erfolgreich und ohne Geldsorgen. Auf der anderen Seite oberflächlich, arrogant und rücksichtslos.

Mit nur 25 Jahren übernahm Mark die Leitung der Brady-Gruppe und des prestigeträchtigen Hotels Element auf der Upper East Side. Seine Eltern galten nach einer Abenteuerreise durch Südamerika als verschollen und niemand (am allerwenigsten Mark) rechnete ernsthaft mit der Rückkehr von John Brady und dessen Frau Marge.

Mark hatte ausgesorgt. Befreit von seinem tyrannischen Vater und der überfürsorglichen Mutter konnte Mark endlich durchatmen und sein Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten. Geschäftlich führte er den Weg des Vaters unverändert fort. Wachstum und Expansion um jeden Preis. Sein Privatleben entsprach dem tausender junger New Yorker. Angesagte Clubs, Parties, schneller und unkomplizierter Sex, gutes Essen, teurer Alkohol, ein wenig Kultur um mitreden zu können, ein möglichst hochpreisiges Gym, das war’s auch schon.

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Es war ein Morgen wie jeder andere. Um 5.30 Uhr klingelte Marks Wecker, 30 Minuten aufs Laufband und anschließend einige Bahnen im Pool des Hotels ziehen. Um spätestens 7.00 Uhr saß Mark an seinem Schreibtisch, ließ sich aus der Hotelküche Frühstück bringen und studierte nebenbei die neuesten Nachrichten und Aktienkurse im Netz. Punkt 8.00 Uhr stand er an der Rezeption und ließ sich die neuesten Gästelisten zeigen. Wie sein Vater vor ihm begrüßte und verabschiedete er die wichtigen Gäste persönlich. Mark war ein Gewohnheitstier und alles außerplanmäßige warf nicht nur seinen Terminplan, sondern gelegentlich auch sein Weltbild über den Haufen. Jeden Nachmittag um 14.00 Uhr verließ Mark das Hotel für mindestens eine Stunde, um irgendwo in der Stadt eine Verabredung zum Lunch wahrzunehmen. Und wie jeden Nachmittag ärgerte sich Mark grün und blau über den Buchladen von Hana Crowne.

Bisher gab es noch keinen Kontakt zwischen ihm und der Besitzerin des kleinen Buchladens, dessen altmodisches Gebäude sich wie ein Fremdkörper zwischen den beiden ultramodernen Hochhäusern des Hotels und der Harira Financial Group befand. Schon Marks Vater hatte ein Auge auf das schmale Grundstück zwischen den beiden Türmen geworfen. Zu klein für eine Erweiterung des Hotels, aber nahezu perfekt um darauf die Einfahrt eines Parkhauses zu platzieren. Die Pläne für das Parkhaus lagen schon seit einiger Zeit fertig in der Schublade und warteten nur auf ihren Einsatz. Zudem hatte John Brady die Unterlagen ebenfalls an die benachbarte Bank geschickt, um dort für ein gemeinsames Projekt zu werben. Aus den Aufzeichnungen seines Vaters ging hervor, dass sich die Tiefgarage unterirdisch über alle drei Grundstücke erstrecken sollte und danach wohl dem Hotel als auch der Bank zur Verfügung stehen sollte.

Bisher hatte sich Hana Crowne erfolgreich gegen einen Verkauf des Grundstücks gewehrt, und das obwohl John Brady ihr noch kurz vor seinem Verschwinden ein überaus großzügiges Angebot unterbreitet hatte.

Hana Crowne war in Marks Augen nicht nur unvorstellbar altmodisch, sondern auch naiv und vollkommen weltfremd.Sein Wagen stand auf einem Parkplatz zwei Blocks entfernt und erinnerte ihn jeden Tag an Hana Crownes Dummheit. Erst heute Morgen hatte ihm die Finanzabteilung den Link zu Hana Crownes neuem Dossier geschickt. Allgemeiner Finanzstatus, Meldedaten, ein Bild und noch einige weiteren Informationen die man sich auf legalem Weg schnell und einfach besorgen konnte. Die Finanzauskunft zeichnete für Mark Brady ein weitaus genaueres Bild von Hana Crowne als ein persönliches Treffen – eine Möglichkeit die er bis heute nicht einmal in Betracht gezogen hatte. Der Frau stand das Wasser schon länger bis zum Hals. Die Geschäftszahlen des Ladens kündeten von immer weiter zurückgehenden Umsatzzahlen. Man brauchte kein Finanzgenie zu sein, um sich den Rest zusammenzureimen. Die Kosten an der 1st Avenue stiegen seit Jahren stetig und es würde nicht mehr lange dauern bis Hana Crowne in größere Zahlungsschwierigkeiten geriet und damit die Bank den Daumen auf dem Grundstück hatte. Ob sich Harira Financials in diesem Fall noch an den Deal mit John Brady erinnern würde war höchst fraglich. Wahrscheinlich würden sie das Grundstück einfach pfänden, selbst eine Tiefgarage bauen und diese zu horrenden Preisen an Brady vermieten. Verdammte Bank! Das konnte er auf keinen Fall zulassen.

Mark Brady verfluchte seinen Vater. In John Bradys Testament gab es eine Klausel die Mark überhaupt nicht gefiel. Dennoch blieb ihm keine andere Wahl als diese Klausel Wort für Wort zu erfüllen. Anderfalls stand ihm nicht nur ein langwieriger Rechtsstreit mit dem Nachlassgericht bevor, sondern auch der Ärger und das Mißtrauen der Direktoren im Verwaltungsrat. Offenbar hatte sein Vater ihm die Leitung des Unternehmens nicht zugetraut und bereits lange vor seinem Ableben Verschwinden entsprechende Vorkehrungen getroffen.

Den ganzen Lunch über konnte Mark an nichts anderes denken als die Tiefgarage und die den damit verbundenen geschäftlichen Erfolg, der ihm endlich die Achtung des altersschwachen Verwaltungsrats der Brady Group einbringen würde. Seine Wut auf Hana Crowne und ihr Halsstarrigkeit wuchs von Minute zu Minute. Er musste mit ihr reden, ihr dieses verdammte Grundstück abschwatzen bevor die Bank es in die gierigen Finger bekam. Mark Brady musste einfach beweisen, dass er in der Lage war die Brady Group zu führen! Kurzerhand parkte er den Wagen im Parkverbot vor dem Buchladen und betrat Hana Crownes Reich. Eine Türglocke! In welchem Jahrhundert lebte diese Frau eigentlich?

Überall standen Holzregale, der Boden knarzte als ob den alten Dielen längst nicht mehr zu trauen war, selbst die Couch war älter als Mark. Es roch nach alten Büchern und Staub. Und da war sie auch schon: Hana Crowne. Sie sah besser aus als auf den üblichen Behördenbildern. Bisher bestand der einzige Kontakt zwischen Hana und der Brady Group aus einigen Mails und einem persönlichen Treffen mit John Brady. Sie hatte also keine Ahnung wen sie vor sich hatte und das war auch gut so.

Er wollte dieses Grundstück um jeden Preis! Allerdings lief das erste Treffen mit Hana Crowne vollkommen anders als geplant. Als Mark nach einer halben Stunde aus dem Laden kam, war er so dermaßen wütend, dass er die zum Schein gekaufte 300 Dollar-Enzyklopädie in den nächsten Mülleimer pfefferte. Sie wollte nicht verkaufen, und schon gar nicht an Brady. Stattdessen hielt sie an ihrem albernen kleinen Buchladen fest, als ob er der Nabel der Welt wäre. Kein Mensch las mehr Bücher aus Papier! Selbst in der Schule wurden die Schulbücher mittlerweile digital ausgeben. Ja ja, Liebhaberstücke, alles klar. Natürlich waren Bücher Sammlerstücke und konnten einen gewissen Wert erreichen. Deshalb hatte John Brady ihr auch angeboten den Laden auf seine Kosten nach Soho zu verlegen. Dort gab es genug reiche Freaks, die jeden Scheiß kauften solange die Sachen nur älter als 20 Jahre waren.

Eigentlich wollte er ihr nur ein wenig Dampf machen, sie unter Druck setzen indem er sie mit ihrer Finanzlage konfrontierte und ihr mitteilen, dass er sich weiterhin an das Angebot seines Vaters gebunden sah (solange sie sich schnell genug entschied). Doch Hana Crowne lehnte erneut ab. Um den ganzen noch die Krone aufzusetzen wurde sie noch unverschämt und unterbreitete Mark ein höchst ungewöhnliches Angebot. Sie schlug ihm ein Spiel vor, ein Spiel bei dem er sich auf sie einlassen sollte und zu einem Werkzeug ihrer sexuellen Fantasien wurde. Im Gegenzug erhielt er ein Vorkaufsrecht auf das Grundstück.

Sex gegen das Grundstück? Mark war hin- und her gerissen. Hana Crowne faszinierte ihn, vielleicht beeindruckte es ihn sogar, mit welcher Hartnäckigkeit sie einem großen Finanzhaus und dem Hotel trotzte – obwohl ihr das Wasser bis zum Hals stand. Als er wieder im Büro war, vertiefte er sich erneut in Hanas Dossier. Das Darlehen würde platzen, die Frage war nur noch wann. Die Haie von der Bank umkreisten sie bereits und würden sowohl Hana als auch ihren albernen Buchladen einfach so verschlucken. Das Grundstück.. nur darauf lief es hinaus. Er hatte keine Ahnung was sie von ihm verlangen würde, aber er war bereit zumindest den kleinen Finger ins Feuer zu legen um zu bekommen was er wollte. Außerdem, so gestand er sich selbst ein, hatte Hana Crowne es geschafft ihn neugierig zu machen.

Zwei Tage später in einem italienischen Restaurant in Soho

Sie hatte es geschafft und ihn tatsächlich nach allen Regeln der Kunst aufs Kreuz gelegt um den Finger gewickelt. Eigentlich war der Plan, die Einzelheiten des „Deals“ bei einem Essen zu besprechen. Sex gegen eine Option auf das Grundstück. Das Essen verlief anfangs ganz nach Marks Vorstellung. Das Restaurant war Marks Terrain, nichts was sich Hana Crowne bisher leisten konnte. Selbstsicher ging er in die Verhandlungen, schüchterte sie mit teurem Wein und noch teurerem Essen ein. Dennoch ließ Mark sich nach allen Regeln der Kunst von Hana aufs Kreuz legen. Ihre besten Argumente waren ihr ausladendes Dekolleté (inklusive der sofort ins Auge springenden Vorzüge) und ihr Fuß, den sie unter dem Tisch an seinem Schritt rieb. Bereits nach kurzer Zeit verabschiedeten sich zuerst seine Bedenken, dann seine Hemmungen bezüglich des speziellen Deals. Den Gedanken, dass hinter der Fassade der biederen Buchhändlerin vielleicht ein männerverschlingendes Ungeheuer lauern könnte, verwarf er gleich wieder. Immerhin war er trotz allem Mark Brady, und saß am längeren Hebel.

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Sie wollte Spaß, gut – den sollte sie haben. Immerhin gab es ja sonst nicht all zu viel in Hana Crownes Leben. Kein Geld, keine geschäftliche Perspektive. In Marks Gedankenwelt ergab plötzlich alles einen Sinn. Sie wollte das Erbe ihrer Familie um jeden Preis bewahren. Hana Crowne war viel zu stolz und halsstarrig, um sich ihr Scheitern einzugestehen und den Familienbesitz einfach so an Mark Brady zu verkaufen. Deshalb hatte sie ihm das Spiel vorgeschlagen, einen Deal der es ihr leichter machen würde den Laden samt Grundstück aufzugeben, ein Spiel bei dem sie die Zügel in der Hand hielt. Ja, in Marks kleiner Welt ergab alles einen Sinn. Wie sehr er sich geirrt hatte, sollte er erst einige Tage später erfahren.

Nach dem Essen gewährte ihm Hana einen ersten Einblick in ihre Welt, in die besonderen Spielregeln des gerade erst abgeschlossenen Deals. Er hatte natürlich keine Ahnung, dass Hana sich lediglich zurücknahm, um ihn nicht gleich am ersten Abend zu verschrecken. Der Sex war gut, aufregend,.. so etwas hatte Mark noch nie erlebt. Ungewöhnlich ja, aber ins einer Wahrnehmung nichts außergewöhnliches. Es war einfach nur Sex mit kleinen Extras.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, war Hana bereits weg. Sie hatte ihm eine Notiz hinterlassen und kündigte an, sich später melden zu wollen. Mark grinste. Was für eine Nacht! Hana zog ihn immer mehr in ihren Bann und er nahm sich vor auf der Hut zu bleiben. Der Deal war immerhin nur mündlich geschlossen worden und hatte wahrscheinlich im Zweifelsfall sowieso keine rechtliche Bedeutung. Außerdem – sollte Hana zwischenzeitlich zahlungsunfähig werden – dann wäre der Deal sowieso hinfällig.

Noch dazu handelte es sich um einen Deal, dessen Einzelheiten besser nicht an die Öffentlichkeit geraten sollten.

Mark Brady lässt sich für Sex mit Grundstücken bezahlen

Mark Bradys scharfer Verstand von dominanter Buchhändlerin vernebelt

Mark Brady vögelt arme Buchhändlerin und nimmt ihr anschließend die Existenzgrundlage

Die Schlagzeilen in den Online-News konnte er sich schon ausmalen. Gerade in New York City gab es eine lange Tradition für Klatsch und Tratsch, der nicht nur auf den einschlägigen Plattformen verbreitet, sondern vor allem in den Szenelocations breitgetreten wurde. Der Schaden für die Brady Gruppe und das Hotel waren kaum abschätzbar.

Wie heikel das Spiel war, wurde ihm erst bewusst, als er in der morgendlichen Stille des Hotels seine Bahnen im Pool zog. Diese kleine hinterhältige Luder hatte ihm doch tatsächlich den Verstand vernebelt. Er musste vorsichtig sein und sich irgendwie absichern.

An seinem Schreibtisch angekommen, verfasste er als erstes eine Nachricht an einen Vertrauten in der Finanzabteilung:

Von: Mark Brady
An: Hank Emerson
Re: Hana Crowne / Books & Prints

Guten Morgen Hank,

Kannst Du noch weitere Infos über Hana Crownes Background besorgen? Lass das Grundstück noch einmal von einem anderen Gutachter schätzen. Aber mach es unauffällig.

Bitte lass außerdem die Pläne für das Parkhaus ändern. Ich möchte vier Etagen runtergehen statt nur drei wie bisher vorgesehen – und zwar nur auf unserem Grundstück (Einfahrt auf dem Grundstück von Crowne wie bisher)!! 

Wen kennen wir bei der Stadtverwaltung? Ich will diese Baugenehmigung so schnell wie möglich sobald der Buchladen aus dem Weg ist.

Ach ja, informier den Architekten, dass er die neuen Pläne nur zu uns schicken soll. Harira muss davon nichts wissen. Wenn sie ein Parkhaus wollen, sollen sie sich selbst eines besorgen.

Und: zu niemandem sonst ein Wort! Lass den Architekten was unterschreiben, droh ihm ne Klage oder sonstwas an falls er die Klappe nicht halten kann.

Mark

Nachdem er die Email abgeschickt hatte, ließ er sich selbstzufrieden noch eine weitere Tasse Kaffee bringen und vertiefte sich in die Arbeit. Mark Bradys Welt war vollkommen in Ordnung. Er war dem Grundstück einen großen Schritt näher als noch vor einigen Tagen. Er freute sich schon auf den Tag, an dem er den Buchladen abreißen lassen würde, um endlich eine Tiefgarage sein Eigen zu nennen. Hana Crowne würde er irgendwie nach Soho verfrachten und nie mehr wiedersehen. Vielleicht würde er Hana noch ein Bild des abgerissenen Buchladens mailen. Der Gedanke gefiel ihm. Mark hatte keine Ahnung, wie sehr die nächsten Tage sein Weltbild ins Wanken bringen würden.

Sayos Traum

Sayo lag an Händen und Füßen gefesselt auf dem Laken. Ihr Körper war weich gebettet auf zerwühlten Decken und Kissen. Alles teurer und wertvoller, als sie sich vorstellen konnte. Nachdem sie zu Mello gesehen hatte, der schon schlief, versuchte sie auch einzuschlafen, was ihr ziemlich schnell gelang. Sie fiel, erschöpft und verwirrt, in einen Tiefschlaf, zunächst traumlos, bis sich in ihrem Kopf Bild an Bild fügte.

Ihr Traum handelte von Mello. Wie sollte es auch anders sein. Sie sah ihn mit nacktem Oberkörper vor sich, nur mit seinen Shorts bekleidet. Er sah gut aus, keine Frage, aber seine Art versetzte sie sogar im Schlaf in sensible Hab Acht Stellung.
Sie lauschte seinem Telefonat. Auf einmal hielt er sein Handy am Ohr. Woher kam das plötzlich? Sie wusste es nicht. Sie wusste nicht einmal wo sie war. Alles um sie herum verschwamm und nahm dann wieder richtige Formen an.
Er fällte Todesurteile am Telefon, ohne mit der Wimper zu zucken. Wie er redete und wie er andere Leben zerstörte, machte ihn so hässlich in ihren Augen. Der Mann vor ihr verwandelte sich in einen Wolf im Schafskostüm. Schweigend tauschten sie Blicke. Er sagte nichts, war wortkarg.

Fiebrig brach ihr der Schweiß aus und versickerte im Bettbezug.

Bild 2

In manchen Momenten dachte sie, er wäre nett und ein Mensch mit Herz. So wie jetzt, als sie ihn kurz grinsen sah. Das Handy verwandelte sich kurz danach aber in einen Gürtel, den er drohend erhob. Das Bild begrub ihren Gedankengang tief, als sie ihn so im Schlaf vor sich sah. Sie mochte ihn eigentlich, aber nur, wenn er sie wie eine Frau behandelte, und nicht wie ein teures Haustier.

Vor ihren Augen verschwamm alles. Wieder konnte sie ihn beobachten, wie er einem unschuldigen Mädchen, das sie mochte mit einem Fußtritt das Genick brach. Ihre Träumerei mischte sich mit echten Erinnerungen, die umso schmerzhafter und furchteinflößender waren. Sayos Herz schlug wie wild. Sie warf sich im Bett trotz der Fesseln hin und her und begann aus allen Poren zu schwitzen.

Auch die Erinnerung an den Mord an Kaito dem Mädchenhändler, der sie nach Amerika gebracht und dort verkauft hatte, bahnte sich den Weg in ihr Unterbewusstsein. Nur verfälscht. Nicht Mello war verantwortlich für seinen Tod, sondern sie selbst. Im Traum war es sie, die ihn umbrachte und in den Fluss werfen ließ.

1000 weiße Callas mischten sich in die utopischen Bilder, die ihr Gehirn ihr schlaftrunken vorgaukelte. 1000 Callas, die er ihr aus einer Laune heraus geschenkt hatte. Tausend Diamanten, Perlenketten, kiloweise feiner Schmuck glitzerte auf Wolken gebettet direkt vor ihren Augen. Heiße, feuchte Küsse. Münder, die miteinander kämpften. Seiner und Ihrer.

Sayos Vertrauen, ihre Liebe- das konnte er sich nicht kaufen. Der Stolz war ungebrochen. Der Stolz einer echten Japanerin. Wieder warf sie sich im Bett hin und her und stieß gegen ihn. Ihr Körper wand sich wie eine Raupe. Gefesselt und unbeweglich.

Sie setzte sich mit einem Schrei in den Laken auf. Als Monster hatte sie ihn vor sich gesehen. Mit Zähnen und Klauen. Gierig, todbringend, nicht aufzuhalten. Alles verschlingend, was sich anbot. Dann fiel sie zurück in die Kissen. Kraftlos. Der Kokatrip in der Nacht war doch zu viel für sie gewesen.

(ein Beitrag von Sarahstella Lamede)

Prolog

“Power is in tearing human minds to pieces and putting them together again in new shapes of your own choosing.”
George Orwell, 1984

***

“Sie können die Augen schließen, Miss Ross, wenn die Monitore sie nervös machen. Es ist wichtig, dass Sie entspannt an die Sache herangehen.” Die Stimme von Dr. Young hatte einen väterlich-freundlichen Tonfall, wenn er mit den Probanden sprach.

Man hatte die Versuchsgruppe sorgfältig ausgewählt anhand von Beruf, Alter und ihren Gewohnheiten. Allesamt waren mittelmäßig erfolgreich in ihren Jobs, pflegten alltägliche Beziehungen, konnten sich schöne Dinge leisten und legten Wert auf ihre äußere Erscheinung. Und sie alle litten unter unterschiedlich ausgeprägten psychologischen Schwächen. Schüchternheit. Komplexe. Stimmungsschwankungen. Depressive Episoden. Dinge, die man eben nicht haben möchte, wenn man es weit bringen will. Sie waren die typischen Repräsentanten der New Yorker Gesellschaft im Jahre 2034.

Miriam Ross und alle anderen hatten mit Somawell Industries Verträge abgeschlossen, die sehr genau ihre Rechte und Pflichten als Versuchspersonen regelten, aber grundsätzlich waren die Ausgewählten ohnehin mit fast allem einverstanden gewesen, als man ihnen den perfekten Geist in Aussicht gestellt hatte. Der perfekte Körper und der perfekte Geist waren Angebote, die Menschen nur schwer ablehnen konnten, wenn sie das System verinnerlicht hatten. Und das hatten sie fast alle. Sie hatten es mit der silikongerundeten Mutterbrust aufgenommen, seine Credos in mehrsprachigen Kindergärten zu singen gelernt, es in teuren Privatschulen verfeinert und schließlich als Teil ihrer selbst akzeptiert, als sei es schon immer da gewesen.

In gewisser Weise wäre auch Dr. Young ein perfekter Proband gewesen, denn auch er stellte wenig in Frage, wenn es lukrativ erschien. Aber er saß in seiner Funktion als Arzt mit Aussicht auf die MPT-Zulassung auf der anderen Seite der Injektionsnadel, die sich nun langsam durch die Haut, durch das Fleisch und in die Vene von Miriam Ross schob. Ein leichter Druck und der Inhalt des Behälters ergoss sich in die Blutbahn. Gehorsam hatte sie die Augen geschlossen, während das Flackern der Monitore blau-grüne Schattierungen aus künstlichem Licht auf ihrem Gesicht hinterließ.

Auf einem der Monitore verfolgte Dr. Young nun den Weg der Sonden, bis ein grünes, schnelles Aufleuchten von Kontrolllichtern ihm anzeigte, dass sie alle an den für sie vorgesehenen Plätzen angekommen waren. Miriam Ross’ Augenlider zuckten leicht, aber Schmerzen schien sie keine zu haben. Ihr Hände lagen entspannt auf den Lehnen der Liege.

“Haben Sie etwas gespürt, Miss Ross?” erkundigte er sich.

“Ja, die Nadel. Ein kleiner Pieks.” Sie gab bereitwillig und ohne zu zögern Antwort.

Nur ein Zufall. Das Zucken der Augenlider just in dem Moment, als die Sonden ihren Platz erreichten. Dr. Ross nahm die Tastatur zur Hand und begann dann mit der eigentlichen Arbeit.

“Wir werden nun eine kleine Reise unternehmen, Miss Ross. Und am Ende dieser Reise wird nichts mehr sie behindern.”

Sie nickte.

Dann arbeitete er sich durch Miriams Erinnerungen, löste sie auf, übermalte sie wie alte Leinwände, die ein neues Gesicht bekommen sollten. Einige Erfolgsbilder waren auch frei gezeichnet, losgelöst von dem, was Miriam Ross in ihrer Kindheit erlebt hatte. So genannte Empower-Representations. Er las an Miriam Ross’ Lippen ab, wie angenehm diese Bilder sich für sie anfühlten. Sie lächelte. Die ganze Behandlung über lächelte sie. Ihr Lächeln übertrug sich auf Dr. Young. War er zu Beginn noch behutsam gewesen, fuhren seine Finger nun selbstbewusster über die Tasten. Er war der Zeichner einer neuen Miriam Ross. Er war der Gott über ihre Erinnerungen und damit über ihre Zukunft. Er nahm die Verantwortung ernst, aber da war auch etwas anderes, das er deutlich spürte. MPT würde Geschichte machen. MPT war bahnbrechend in vielerlei Hinsicht. Das erfüllte seine Brust mit Stolz.

Als Miriam Ross sich von der Liege erhob, fühlte sie sich unbeschreiblich gut und glücklich und stark. Und den Weihnachtsabend, an dem ihre Eltern sich getrennt hatten, als sie zwölf Jahre alt war, der existierte in ihrer Erinnerung nicht mehr so, wie sie ihn damals wahrgenommen hatte. Sie erinnerte sich an die buntglänzenden Kugeln und den Tannenduft. Das Essen. Das Lachen und die Musik. Sie erinnerte sich sogar an das Fernsehprogramm und daran, dass ihre Eltern sich im Guten getrennt hatten. Sie erinnerte sich an eine ausnahmslos glückliche kleine Miriam, die zuversichtlich in ihre Zukunft blickte.

Dr. Young war gründlich gewesen. Es war so perfekt. Fast zu perfekt um wahr zu sein.

***

Infotreffen und Simöffnung

MI, 28.10.2015 um 20.30 Uhr

Wir gehen IC ab

FR, 30.10.2015