Atmen und das Meer

Hana hatte die Augen geschlossen und lauschte. Nichts weiter war zu hören bis auf das ruhige Atmen von Mark neben ihr und die Brandung. Sie waren nun schon zwei Wochen hier und hatten von den alarmierenden Vorgängen in NYC nur indirekt etwas mitbekommen. Dr. Lisle hatte angerufen und Mark darüber informiert, dass sie das Virus trugen, es aber nicht die mutierte Form war. Sie würden sich in Kürze einer Behandlung unterziehen und wieder gesund sein. In der nächsten Zeit würden sie nicht nach NYC zurückkehren, sondern hier in den Hamptons bleiben. Das Risiko erschien ihnen derzeit zu hoch und nicht nur ihnen. Eine wahre Stadtflucht hatte eingesetzt und wer es sich leisten konnte, hatte die großen Metropolen an der Ostküste vorerst verlassen, in denen das HHV-4 tobte.

Dr. Lisle hatte NYC ebenfalls verlassen. Hana hatte Somawell Industries ein abgelegenes, felsiges Stück Land auf Penny Island vermittelt, in dem sich nun ein unterirdisches und vor den Augen der Öffentlichkeit verborgenes Labor befand. Neben der Weiterentwicklung der Mind Perfection Therapy, sollte nun dort wohl nun auch ein Wirkstoff gegen das HHV-4 entwickelt werden. Nach wie vor war Hana eine überzeugte Anhängerin von Somawell und mehr denn je bereit zu kooperieren. Kein Verfahren hatte ihr Leben je so verbessert wie die MPT. Darüber hinaus war sie froh Tini Lisle auf der Insel zu wissen. Sie hatte das Gefühl ihr vertrauen zu können.

Sie drehte den Kopf und sah zu Mark rüber. Einige Male hatte sie ihn aufgeregt mit dem Vorstand der Brady Group telefonieren hören. Es gab Stress, das hatte sie seinem aufgebrachten Tonfall entnehmen können, der durch die geschlossene Tür des Arbeitszimmers im ersten Stock gedrungen war. Gesagt hatte er nichts. Aber die Entscheidung hier zu bleiben, war fast zu schnell getroffen worden für seine Verhältnisse. Hana vermutete, dass es ihm nicht nur um ihrer beider Gesundheit ging.

Der Zukauf der Apfelplantage hatte Hanas finanzielle Möglichkeiten fast ausgeschöpft und es war gut auf Somawell vertrauen zu können, auch in finanzieller Hinsicht und vor allem zu Gunsten der Second Chance Stiftung, die nun ihre Aktivitäten ausdehnen konnte. Im Gegenzug bot Hana ihr Gesicht den PR-Spezialisten des Konzerns an, wie sie es damals schon mit Dr. Bieder vereinbart hatte. Ihr Gesicht und ihre Stiftung würden zu dem positiven Image vom Somawell Industries beitragen, das gelegentlich durch Querulanten und autonome Aktivisten einen Kratzer bekommen hatte. Ihren Buchladen in NYC hatte sie Jinx als Geschäftsführer überlassen unter der Voraussetzung, dass dort weiterhin straffällig gewordene Menschen einen zweite Chance bekamen. Sie selbst würde nun die Plantage führen und die Erzeugnisse zugunsten der Stiftung vermarkten. Da Dr. Lisle vor Ort war, stand einer engen Kooperation nichts im Wege und die gesetzlich vorgeschriebenen Therapien konnten den jungen Leuten weiterhin auf ihrem Weg zurück in die Gesellschaft helfen.

Hier, fernab vom verführerischen und allzeit präsenten Rausch der Großstadt, konnten sie runterkommen und sich durch ehrliche Arbeit erden. Hana lächelte und lauschte dem Rauschen des Ozeans. Ihr Vater wäre stolz auf sie, daran glaubte sie ganz fest. Sie hatten den Buchladen erhalten und eine Möglichkeit gefunden, noch mehr Gutes zu tun. Sie drehte sich auf die Seite und warf einen Blick aus dem Fenster. Die Sonne erhob sich bereits über den Horizont und es versprach ein schöner Tag zu werden.

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Taylors letzte Tour

Taylor Woods hatte seit vier Monaten ihre Krankenversicherung nicht mehr bezahlt und deshalb aus Kostengründen ein Taxi gerufen um ins Lenox Hill Medical zu gelangen.
Die Geschäfte liefen schlecht und dann hatte sich sich noch bei diesem Typen  was weggeholt, als sie gegen Aufpreis ohne Schutz gevögelt hatte. Sie kannte so ziemlich alles, was es an Geschlechtskrankheiten auf dem Markt von NYC gab: Tripper, HIV aus den Achtzigern des letzten Jahrtausends – inzwischen längst heilbar –  Chlamydien und nun diese beschissenen, juckenden Bläschen. Gentialherpes vermutlich, davon waren ja Radio und Fernsehen voll gewesen.
Als wäre das nicht genug, blutete sie seit Tagen wie ein Schwein aus Nase, Zahnfleisch und Möse und es hörte und hörte nicht auf, so dass sie wohl oder übel und weil sie inzwischen höllische Schmerzen hatte, um einen Besuch beim Doc wohl nicht herumkommen würde.

“Zum Lenox Hill Medical und zwar auf direktem Weg, Mann.”
Sie ließ sich hinten auf den Sitz fallen und presste ein Taschentuch vor den Mund, als es wieder los ging und obwohl sie sich gut gepolstert hatte, fühlte sie, wie das Blut ihr an den Beinen runterlief. “Fuck, fuck..fuck…” murmelte sie und hoffte, dass die Dunkelheit die Flecken auf den Sitzen gnädig verhüllen und ihr so die Reinigungsrechnung ersparen würde.
Die Fahrt von Chinatown auf die 1st AV sollte zu dieser Tageszeit maximal 10 Minuten dauern, aber schon nach fünf Minuten und einem schmerzgequälten Blick auf den East River, wurde Taylor klar, dass sie in größeren Schwierigkeiten als jemals zuvor war. “Fahr schneller, Mann, wenn du willst, dass ich lebend ankomme.”
Der Fahrer der sich nicht zu ihr umdrehte, lachte. Hätte er sich umgedreht oder in den Rückspiegel geblickt, hätte er ohne Zweifel aufs Gas getreten und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. So aber drehte er nur die Musik etwas lauter, die scheppernd und in schlechter Qualität aus den Boxen drang.

Als er vor dem Hospital anhielt, machte Taylor keine Anstalten auszusteigen. Deswegen ging Abdil Reza um den Wagen herum und öffnet ihr die Tür.
FUCK! war das nächste, was man hörte und es kam von ihm. Und es war laut genug um Dr. Lisle und ihren Begleiter Jack O’Malley drinnen zu alarmieren. So gelangte Taylor auf einer Liege die letzten paar Meter ins Lenox Hill Medical und hinterließ einen blutverschmierten Sitz und einen aufgelösten Taxifahrer. Davon bekam sie allerdings nichts mehr mit. Die Bewusstlosigkeit ersparte ihr das. Das blutverschmierte Taschentuch, das sie sich auf den Mund gepresst hatte, löste sich aus ihren Fingern und der Wind trug es über die 1st AV davon. Ein Schneidezahn, der sich aus ihrem Zahnfleisch gelöst hatte, klebte noch auf ihrem Pullover.

Dr. Tini Lisle wurde behutsam arm Arm festgehalten, nachdem alle Versuche das Leben von Taylor zu retten, nicht dazu führten, dass das Herz wieder von selbst zu schlagen begann. So blieb Dr. Lisle nichts weiter übrig als am 28.02.2036 um 20.50 Uhr den Todeszeitpunkt von Taylor Woods festzustellen und dann einen Augenblick ihren Kopf an Jacks muskulöser Brust zu betten. Die Blutproben waren bereits auf dem Weg ins Labor. Taylor Woods war an multiplem Organversagen verendet und Dr. Lisle wollte und musste ermitteln, was dazu geführt hatte.

Breaking News: Gewalttäter und mutmaßlicher Entführer gefasst

Faran Homerunner, vorbestraft und wegen mehrerer Gewaltdelikte auf der Fahndungsliste, wurde vergangene Woche im Moon River Café auf der Upper East Side erkannt und konnte kurz darauf von einem Beamten des NYPD festgenommen werden.

Einer Quelle im NYPD zufolge fand gestern die Gegenüberstellung mit einem seiner Opfer statt. Homerunner hatte die Lebensgefährtin von Mark Brady, dem Vorsitzenden der Brady Group, gewaltsam entführt und dann 1 000 000 US$ Lösegeld erpresst. Ob es Hintermänner gab, ist derzeit noch unklar.

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Wir gehen davon aus, dass Homerunner die kommenden Lebensjahre hinter Gittern verbringen wird und vor einer möglichen Freilassung eine MPT durchlaufen wird, die dafür sorgt, dass er keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr darstellen wird.

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Breaking News – Überfall im York Park gibt Rätsel auf

Der brutale Überfall auf einen Buchladen gibt weiterhin Rätsel auf. Das NYPD ist derzeit noch bei den Ermittlungen am Tatort und bei der Zeugenvernehmung. Der York Park wurde wegen möglicherweise dort auffindbarer Spuren großräumig gesperrt und darf nicht betreten werden.

Das NYPD sucht nach einem großgewachsenen Täter aus dem Unterschicht-Milieu. Er hatte dunkles schulterlanges Haar, das am oberen Hinterkopf teilweise zu einem Zopf zusammengefasst war und einen Dreitagebart. Der Täter trug zum Tatzeitpunkt trug eine helle Jacke und Jeans.

Die Art des Überfalls, der offenbar eine Entführung werden sollte, lässt viele Fragen offen: Warum war der Täter nicht maskiert und scheute sich offenbar nicht davor, von Zeugen gesehen zu werden? Warum war er unbewaffnet? Steht die Beziehung des Opfers Hana C. mit dem CEO der Brady Group in einem Zusammenhang zur Tat?

Nur dem beherzten und mutigen Eingreifen eines jungen Hotelangestellten Mason W. ist es zu verdanken, dass Hana C. nicht Opfer einer Entführung wurde.

Auf der innenpolitischen Ebene weist die schreckliche Tat Fragen zur Sicherheit des Bezirks um die 1st AV auf. Müssen die Bürger um ihre allseits beliebten und gut frequentierten Naherholungsziele fürchten, wenn die Parks nicht mehr sicher sind? Gerade die 1st AV ist der erste Anlaufpunkt für viele Touristen.

Wir bleiben dran – für NYC!

NYPD, Bericht zum Suizid von Bill Hasamoto

Am 30.11.2035 ging beim New Yorker Police Department ein Notruf, der mehr aussergewöhnlichen Art ein, eine ziemlich hysterisch klingende Frau mittleren Alters, schrie in das Telefon:”Hallo spreche ich mit der Polizei? Also, dass ist ja eine Geschmacklosigkeit, der abartigsten Art und Weise! Wissen Sie eigentlich, dass sie damit einem ganzen Ausflugsboot die Tour verdorben haben, ich meine hier sind auch Kinder? Halloween liegt einen ganzen Monat zurück! Ist ihnen klar wieviel Geld wir für diese Fahrt hingeblättert haben?” Nachdem die Angestellte, die das Telefonat, entgegen genommen hatte, das Piepen in ihrem Ohr überwunden hatte, versuchte sie die aufgebrachte Dame zu beruhigen:”Jetzt beruhigen Sie sich Ma´am, sagen sie mir genau was passiert ist.” Am anderen begann die Frau, etwas weniger hysterisch, aber immernoch stinksauer in das Telefon zu blaffen:” An einer Ihrer Brücken, ich glaube es ist die zwischen Chinatown und Upper East, hängt noch eine von diesen Silikon-Leichen, sowas dass man sich zu Halloween an die Dachrinne klebt. Ich verlange. dass das umgehend entfernt wird! Hier steht ein kleines Mädchen und heult sich die Augen aus dem Kopf!” Damit beendete die hysterische Frau einfach das Telefonat.

Die Angestellte des NYPD benachrichtigte eine Streife, die das ganze unter die Lupe nahm.
Als die Officer, die vermeintliche Halloweendeko an ihrer Befestigung nach oben zogen, bis zu dieser Stelle ging man von einem dummen Jungenstreich oder irgendeiner Protestaktion einer militanten Vereinigung aus, stellten sie fest, dass es sich um die tiefgefrorenen Leiche eines asiatischstämmigen Mannes mittleren Alters handelte, der scheinbar Suizid begangen hatte, man fand einen Abschiedsbrief im Bund seiner Unterhose,dem einzigen Kleidungsstück, dass der Mann trug.
Die Brücke wurde kurzfristig zur Bergung und zum Abtransport der sterblichen Überreste gesperrt und die Leiche in die Forensik des NYPD verbracht.

Bei dem Verstorbenen handelte es sich um den 43 jährigen Bill Hasamoto aus Japan, er stammte aus der unteren Bevölkerungsschicht und hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.
Seine Frau wurde ebenfalls von der Polizei befragt, die sichtlich aufgelöste Mrs. Hasamoto erklärte, dass ihr Mann in der letzten Zeit immer seltsamer geworden sein, sie vermutete einen Zusammenhang zwischen der Veränderung und den Besuchen in einem Massagesalon in Chinatown.

Zwei Policeofficer fanden eine Waffe versteckt in einem Busch hinter einem grossen Baum, wie in dem Brief des Verstorbenen beschrieben.
Das CSI verglich die Fingerabdrücke auf Schriftstück und Waffe, sie stimmten überein.

Damit wurde Der Fall Mello Ho Kelly zu den Akten gelegt, auch wenn hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde, dass das ganze zu einfach gewesen wäre.

((Danke an Officer Blair !!! ))

Selbstmörder verschreckt Touristen auf dem East River

Am Montag, den 31.November, alarmierten aufgeschreckte Touristen bei einer Rundfahrt über den East River das NYPD. Was zunächst für den geschmacklosen Überrest einer Halloweendekoration gehalten wurde, entpuppte sich als Toter, der offenbar mit einem Seil an der Brücke den Freitod gesucht hatte. Weitere Informationen sind noch nicht bekannt. Nach Aussage der Touristen soll der Mann nichts weiter als eine Unterhose am Leib getragen haben. Nach der Obduktion des Toten in der Gerichtsmedizin wird man vermutlich mehr wissen. Die Polizei bittet um Geduld und Rücksichtnahme vor allem im Hinblick auf mögliche Angehörige des Toten.

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Breaking News: Geschäftsmann aus Chinatown beim Clyde Barrow Konzert erschossen

NYC: Von einer Art Hinrichtung berichten Augenzeugen. Offenbar erlag der Geschäftsmann und vermeintliche Kopf einer kriminellen Vereinigung in Chinatown noch vor Ort seinen Verletzungen. Die zufällig anwesende Ärztin konnte nur noch seinen Tod feststellen. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll Mello Ho Kelly von einem Fensterputzerlift aus mit einem Kopfschuss getötet worden sein. Mello Ho Kelly hatte das Konzert mit seiner Verlobten in der VIP Lounge verfolgt.

Nach dem Mord an der jungen unbekannten Frau in Chinatown ist dies nun der zweite Mordfall, der in einer Verbindung mit dem munteren Viertel steht, in dem überwiegend Bürgerinnen und Bürger mit asiatischem Migrationshintergrund leben. Steht New York ein neuer Bandenkrieg bevor oder treibt ein Serienmörder mit rassistischem Hintergrund sein Unwesen in der Stadt?

Wir werden die Dinge weiter verfolgen und warten noch auf eine offizielle Stellungnahme des NYPD.

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Bild: Paparazzi Schnappschuss aus der VIP Lounge, eine Viertelstunde vor der Tat, vermutlich die letzte Aufnahme von Mello Ho Kelly

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The fabulous Clyde Barrow: Das letzte Lied es Abends war “My Way”

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Aufnahmen von den übrigen Gästen, das Konzert war gut besucht, im Bild die vordere Tanzfläche

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Mark Brady, Besitzer des Element, zeigte sich schockiert über die blutrünstiges Tat in seinem Hotel, im Bild beim Tanz mit seiner Begleitung

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Nach dem Schuss können der oder die Täter offenbar im aufkommenden Durcheinander fliehen.

Mark Brady

Mark Brady

Mark gehörte zu jener Spezies New Yorker, die sich seit den 90er Jahren des letzten Jahrtausends stetig vermehrt und weiterentwickelt hatte. Jung, privilegiert, erfolgreich und ohne Geldsorgen. Auf der anderen Seite oberflächlich, arrogant und rücksichtslos.

Mit nur 25 Jahren übernahm Mark die Leitung der Brady-Gruppe und des prestigeträchtigen Hotels Element auf der Upper East Side. Seine Eltern galten nach einer Abenteuerreise durch Südamerika als verschollen und niemand (am allerwenigsten Mark) rechnete ernsthaft mit der Rückkehr von John Brady und dessen Frau Marge.

Mark hatte ausgesorgt. Befreit von seinem tyrannischen Vater und der überfürsorglichen Mutter konnte Mark endlich durchatmen und sein Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten. Geschäftlich führte er den Weg des Vaters unverändert fort. Wachstum und Expansion um jeden Preis. Sein Privatleben entsprach dem tausender junger New Yorker. Angesagte Clubs, Parties, schneller und unkomplizierter Sex, gutes Essen, teurer Alkohol, ein wenig Kultur um mitreden zu können, ein möglichst hochpreisiges Gym, das war’s auch schon.

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Es war ein Morgen wie jeder andere. Um 5.30 Uhr klingelte Marks Wecker, 30 Minuten aufs Laufband und anschließend einige Bahnen im Pool des Hotels ziehen. Um spätestens 7.00 Uhr saß Mark an seinem Schreibtisch, ließ sich aus der Hotelküche Frühstück bringen und studierte nebenbei die neuesten Nachrichten und Aktienkurse im Netz. Punkt 8.00 Uhr stand er an der Rezeption und ließ sich die neuesten Gästelisten zeigen. Wie sein Vater vor ihm begrüßte und verabschiedete er die wichtigen Gäste persönlich. Mark war ein Gewohnheitstier und alles außerplanmäßige warf nicht nur seinen Terminplan, sondern gelegentlich auch sein Weltbild über den Haufen. Jeden Nachmittag um 14.00 Uhr verließ Mark das Hotel für mindestens eine Stunde, um irgendwo in der Stadt eine Verabredung zum Lunch wahrzunehmen. Und wie jeden Nachmittag ärgerte sich Mark grün und blau über den Buchladen von Hana Crowne.

Bisher gab es noch keinen Kontakt zwischen ihm und der Besitzerin des kleinen Buchladens, dessen altmodisches Gebäude sich wie ein Fremdkörper zwischen den beiden ultramodernen Hochhäusern des Hotels und der Harira Financial Group befand. Schon Marks Vater hatte ein Auge auf das schmale Grundstück zwischen den beiden Türmen geworfen. Zu klein für eine Erweiterung des Hotels, aber nahezu perfekt um darauf die Einfahrt eines Parkhauses zu platzieren. Die Pläne für das Parkhaus lagen schon seit einiger Zeit fertig in der Schublade und warteten nur auf ihren Einsatz. Zudem hatte John Brady die Unterlagen ebenfalls an die benachbarte Bank geschickt, um dort für ein gemeinsames Projekt zu werben. Aus den Aufzeichnungen seines Vaters ging hervor, dass sich die Tiefgarage unterirdisch über alle drei Grundstücke erstrecken sollte und danach wohl dem Hotel als auch der Bank zur Verfügung stehen sollte.

Bisher hatte sich Hana Crowne erfolgreich gegen einen Verkauf des Grundstücks gewehrt, und das obwohl John Brady ihr noch kurz vor seinem Verschwinden ein überaus großzügiges Angebot unterbreitet hatte.

Hana Crowne war in Marks Augen nicht nur unvorstellbar altmodisch, sondern auch naiv und vollkommen weltfremd.Sein Wagen stand auf einem Parkplatz zwei Blocks entfernt und erinnerte ihn jeden Tag an Hana Crownes Dummheit. Erst heute Morgen hatte ihm die Finanzabteilung den Link zu Hana Crownes neuem Dossier geschickt. Allgemeiner Finanzstatus, Meldedaten, ein Bild und noch einige weiteren Informationen die man sich auf legalem Weg schnell und einfach besorgen konnte. Die Finanzauskunft zeichnete für Mark Brady ein weitaus genaueres Bild von Hana Crowne als ein persönliches Treffen – eine Möglichkeit die er bis heute nicht einmal in Betracht gezogen hatte. Der Frau stand das Wasser schon länger bis zum Hals. Die Geschäftszahlen des Ladens kündeten von immer weiter zurückgehenden Umsatzzahlen. Man brauchte kein Finanzgenie zu sein, um sich den Rest zusammenzureimen. Die Kosten an der 1st Avenue stiegen seit Jahren stetig und es würde nicht mehr lange dauern bis Hana Crowne in größere Zahlungsschwierigkeiten geriet und damit die Bank den Daumen auf dem Grundstück hatte. Ob sich Harira Financials in diesem Fall noch an den Deal mit John Brady erinnern würde war höchst fraglich. Wahrscheinlich würden sie das Grundstück einfach pfänden, selbst eine Tiefgarage bauen und diese zu horrenden Preisen an Brady vermieten. Verdammte Bank! Das konnte er auf keinen Fall zulassen.

Mark Brady verfluchte seinen Vater. In John Bradys Testament gab es eine Klausel die Mark überhaupt nicht gefiel. Dennoch blieb ihm keine andere Wahl als diese Klausel Wort für Wort zu erfüllen. Anderfalls stand ihm nicht nur ein langwieriger Rechtsstreit mit dem Nachlassgericht bevor, sondern auch der Ärger und das Mißtrauen der Direktoren im Verwaltungsrat. Offenbar hatte sein Vater ihm die Leitung des Unternehmens nicht zugetraut und bereits lange vor seinem Ableben Verschwinden entsprechende Vorkehrungen getroffen.

Den ganzen Lunch über konnte Mark an nichts anderes denken als die Tiefgarage und die den damit verbundenen geschäftlichen Erfolg, der ihm endlich die Achtung des altersschwachen Verwaltungsrats der Brady Group einbringen würde. Seine Wut auf Hana Crowne und ihr Halsstarrigkeit wuchs von Minute zu Minute. Er musste mit ihr reden, ihr dieses verdammte Grundstück abschwatzen bevor die Bank es in die gierigen Finger bekam. Mark Brady musste einfach beweisen, dass er in der Lage war die Brady Group zu führen! Kurzerhand parkte er den Wagen im Parkverbot vor dem Buchladen und betrat Hana Crownes Reich. Eine Türglocke! In welchem Jahrhundert lebte diese Frau eigentlich?

Überall standen Holzregale, der Boden knarzte als ob den alten Dielen längst nicht mehr zu trauen war, selbst die Couch war älter als Mark. Es roch nach alten Büchern und Staub. Und da war sie auch schon: Hana Crowne. Sie sah besser aus als auf den üblichen Behördenbildern. Bisher bestand der einzige Kontakt zwischen Hana und der Brady Group aus einigen Mails und einem persönlichen Treffen mit John Brady. Sie hatte also keine Ahnung wen sie vor sich hatte und das war auch gut so.

Er wollte dieses Grundstück um jeden Preis! Allerdings lief das erste Treffen mit Hana Crowne vollkommen anders als geplant. Als Mark nach einer halben Stunde aus dem Laden kam, war er so dermaßen wütend, dass er die zum Schein gekaufte 300 Dollar-Enzyklopädie in den nächsten Mülleimer pfefferte. Sie wollte nicht verkaufen, und schon gar nicht an Brady. Stattdessen hielt sie an ihrem albernen kleinen Buchladen fest, als ob er der Nabel der Welt wäre. Kein Mensch las mehr Bücher aus Papier! Selbst in der Schule wurden die Schulbücher mittlerweile digital ausgeben. Ja ja, Liebhaberstücke, alles klar. Natürlich waren Bücher Sammlerstücke und konnten einen gewissen Wert erreichen. Deshalb hatte John Brady ihr auch angeboten den Laden auf seine Kosten nach Soho zu verlegen. Dort gab es genug reiche Freaks, die jeden Scheiß kauften solange die Sachen nur älter als 20 Jahre waren.

Eigentlich wollte er ihr nur ein wenig Dampf machen, sie unter Druck setzen indem er sie mit ihrer Finanzlage konfrontierte und ihr mitteilen, dass er sich weiterhin an das Angebot seines Vaters gebunden sah (solange sie sich schnell genug entschied). Doch Hana Crowne lehnte erneut ab. Um den ganzen noch die Krone aufzusetzen wurde sie noch unverschämt und unterbreitete Mark ein höchst ungewöhnliches Angebot. Sie schlug ihm ein Spiel vor, ein Spiel bei dem er sich auf sie einlassen sollte und zu einem Werkzeug ihrer sexuellen Fantasien wurde. Im Gegenzug erhielt er ein Vorkaufsrecht auf das Grundstück.

Sex gegen das Grundstück? Mark war hin- und her gerissen. Hana Crowne faszinierte ihn, vielleicht beeindruckte es ihn sogar, mit welcher Hartnäckigkeit sie einem großen Finanzhaus und dem Hotel trotzte – obwohl ihr das Wasser bis zum Hals stand. Als er wieder im Büro war, vertiefte er sich erneut in Hanas Dossier. Das Darlehen würde platzen, die Frage war nur noch wann. Die Haie von der Bank umkreisten sie bereits und würden sowohl Hana als auch ihren albernen Buchladen einfach so verschlucken. Das Grundstück.. nur darauf lief es hinaus. Er hatte keine Ahnung was sie von ihm verlangen würde, aber er war bereit zumindest den kleinen Finger ins Feuer zu legen um zu bekommen was er wollte. Außerdem, so gestand er sich selbst ein, hatte Hana Crowne es geschafft ihn neugierig zu machen.

Zwei Tage später in einem italienischen Restaurant in Soho

Sie hatte es geschafft und ihn tatsächlich nach allen Regeln der Kunst aufs Kreuz gelegt um den Finger gewickelt. Eigentlich war der Plan, die Einzelheiten des „Deals“ bei einem Essen zu besprechen. Sex gegen eine Option auf das Grundstück. Das Essen verlief anfangs ganz nach Marks Vorstellung. Das Restaurant war Marks Terrain, nichts was sich Hana Crowne bisher leisten konnte. Selbstsicher ging er in die Verhandlungen, schüchterte sie mit teurem Wein und noch teurerem Essen ein. Dennoch ließ Mark sich nach allen Regeln der Kunst von Hana aufs Kreuz legen. Ihre besten Argumente waren ihr ausladendes Dekolleté (inklusive der sofort ins Auge springenden Vorzüge) und ihr Fuß, den sie unter dem Tisch an seinem Schritt rieb. Bereits nach kurzer Zeit verabschiedeten sich zuerst seine Bedenken, dann seine Hemmungen bezüglich des speziellen Deals. Den Gedanken, dass hinter der Fassade der biederen Buchhändlerin vielleicht ein männerverschlingendes Ungeheuer lauern könnte, verwarf er gleich wieder. Immerhin war er trotz allem Mark Brady, und saß am längeren Hebel.

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Sie wollte Spaß, gut – den sollte sie haben. Immerhin gab es ja sonst nicht all zu viel in Hana Crownes Leben. Kein Geld, keine geschäftliche Perspektive. In Marks Gedankenwelt ergab plötzlich alles einen Sinn. Sie wollte das Erbe ihrer Familie um jeden Preis bewahren. Hana Crowne war viel zu stolz und halsstarrig, um sich ihr Scheitern einzugestehen und den Familienbesitz einfach so an Mark Brady zu verkaufen. Deshalb hatte sie ihm das Spiel vorgeschlagen, einen Deal der es ihr leichter machen würde den Laden samt Grundstück aufzugeben, ein Spiel bei dem sie die Zügel in der Hand hielt. Ja, in Marks kleiner Welt ergab alles einen Sinn. Wie sehr er sich geirrt hatte, sollte er erst einige Tage später erfahren.

Nach dem Essen gewährte ihm Hana einen ersten Einblick in ihre Welt, in die besonderen Spielregeln des gerade erst abgeschlossenen Deals. Er hatte natürlich keine Ahnung, dass Hana sich lediglich zurücknahm, um ihn nicht gleich am ersten Abend zu verschrecken. Der Sex war gut, aufregend,.. so etwas hatte Mark noch nie erlebt. Ungewöhnlich ja, aber ins einer Wahrnehmung nichts außergewöhnliches. Es war einfach nur Sex mit kleinen Extras.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, war Hana bereits weg. Sie hatte ihm eine Notiz hinterlassen und kündigte an, sich später melden zu wollen. Mark grinste. Was für eine Nacht! Hana zog ihn immer mehr in ihren Bann und er nahm sich vor auf der Hut zu bleiben. Der Deal war immerhin nur mündlich geschlossen worden und hatte wahrscheinlich im Zweifelsfall sowieso keine rechtliche Bedeutung. Außerdem – sollte Hana zwischenzeitlich zahlungsunfähig werden – dann wäre der Deal sowieso hinfällig.

Noch dazu handelte es sich um einen Deal, dessen Einzelheiten besser nicht an die Öffentlichkeit geraten sollten.

Mark Brady lässt sich für Sex mit Grundstücken bezahlen

Mark Bradys scharfer Verstand von dominanter Buchhändlerin vernebelt

Mark Brady vögelt arme Buchhändlerin und nimmt ihr anschließend die Existenzgrundlage

Die Schlagzeilen in den Online-News konnte er sich schon ausmalen. Gerade in New York City gab es eine lange Tradition für Klatsch und Tratsch, der nicht nur auf den einschlägigen Plattformen verbreitet, sondern vor allem in den Szenelocations breitgetreten wurde. Der Schaden für die Brady Gruppe und das Hotel waren kaum abschätzbar.

Wie heikel das Spiel war, wurde ihm erst bewusst, als er in der morgendlichen Stille des Hotels seine Bahnen im Pool zog. Diese kleine hinterhältige Luder hatte ihm doch tatsächlich den Verstand vernebelt. Er musste vorsichtig sein und sich irgendwie absichern.

An seinem Schreibtisch angekommen, verfasste er als erstes eine Nachricht an einen Vertrauten in der Finanzabteilung:

Von: Mark Brady
An: Hank Emerson
Re: Hana Crowne / Books & Prints

Guten Morgen Hank,

Kannst Du noch weitere Infos über Hana Crownes Background besorgen? Lass das Grundstück noch einmal von einem anderen Gutachter schätzen. Aber mach es unauffällig.

Bitte lass außerdem die Pläne für das Parkhaus ändern. Ich möchte vier Etagen runtergehen statt nur drei wie bisher vorgesehen – und zwar nur auf unserem Grundstück (Einfahrt auf dem Grundstück von Crowne wie bisher)!! 

Wen kennen wir bei der Stadtverwaltung? Ich will diese Baugenehmigung so schnell wie möglich sobald der Buchladen aus dem Weg ist.

Ach ja, informier den Architekten, dass er die neuen Pläne nur zu uns schicken soll. Harira muss davon nichts wissen. Wenn sie ein Parkhaus wollen, sollen sie sich selbst eines besorgen.

Und: zu niemandem sonst ein Wort! Lass den Architekten was unterschreiben, droh ihm ne Klage oder sonstwas an falls er die Klappe nicht halten kann.

Mark

Nachdem er die Email abgeschickt hatte, ließ er sich selbstzufrieden noch eine weitere Tasse Kaffee bringen und vertiefte sich in die Arbeit. Mark Bradys Welt war vollkommen in Ordnung. Er war dem Grundstück einen großen Schritt näher als noch vor einigen Tagen. Er freute sich schon auf den Tag, an dem er den Buchladen abreißen lassen würde, um endlich eine Tiefgarage sein Eigen zu nennen. Hana Crowne würde er irgendwie nach Soho verfrachten und nie mehr wiedersehen. Vielleicht würde er Hana noch ein Bild des abgerissenen Buchladens mailen. Der Gedanke gefiel ihm. Mark hatte keine Ahnung, wie sehr die nächsten Tage sein Weltbild ins Wanken bringen würden.